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Lernprozesse gestalten

Ich hatte letzte Woche in einem Training eine AHA-Moment, den ich gerne mit euch teilen will.

Bei den agilen Methoden wie Kanban oder Scrum stehen die Lernprozesse zum Produkt, zu den Prozessen und der Zusammenarbeit im Team im Fokus. Es geht bekanntlich darum, das wir uns von einer Wissenskultur in eine Lernkultur “weiterentwickeln”. Wobei Wissen immer noch wichtig ist, aber Lernen auf der Team- und der Organisationalen-Ebene gewinnt zunehmend an Wichtigkeit. Nur so können wir die anstehenden komplexen Probleme angehen und ev. auch lösen.

Wenn wir den Blick auf dieses intensive, neue und kollektive Lernen schärfen, dann sehe ich in vielen Organisationen, das dem Prozess, dieses Lernen zu Lernen, zu wenig Gewicht beigemessen wird. Oftmals geht man davon aus, dass wenn wir die neuen Gefässe wie “Retrospektive”, “Innovationssprint”, “Mailbox für Verbesserungen und neue Ideen” … zur Verfügung stellen, passiert das Gewünschte bei den Menschen dazu auf ganz natürliche Art und Weise.

Eine Mailbox für Verbesserungen

Das gewünschte Verhalten bei einer “Mailbox für Verbesserungen und neue Ideen” wäre:

  1. Ich treffe in meinem Arbeitsalltag auf Situation, bei der ich spontan erkenne, dass hier IST und SOLL deutlich voneinander abweichen. Ich erkenne, dass hier viel Verbesserungspotential vorhanden ist. Dies erkenne ich auch, weil es bei mir eine Spannung oder Widerstand erzeugt.
  2. Ich gehe zurück an meinen Arbeitsplatz, öffne eine neue Mail und beschreibe dort drin meinen Impuls, die IST- und die SOLL-Situation. Ich adressiere die Mail an “Mailbox für coole Verbesserungen und neue Ideen”.
  3. Ich gehe davon aus, dass diese Mail von einer Person gelesen, verarbeitet, bewertet und vielleicht sogar umgesetzt wird.

Dieses Verhalten setzt voraus:

  • das ich fähig bin mich und meine Arbeit aus der Vogelperspektive zu betrachten. Das ich zu diesem prüfenden und vergleichendem Nachdenken fähig bin, also zum Reflektieren.
  • das ich mich und meine Bedürfnisse und Impulse wahr und ernst nehme
  • das ich das Gefühl habe, dass die Organisation mich, meine Gedanken und Bedürfnisse ernst nimmt
  • das ich mir die Zeit für dieses Mail nehme und auch nehmen darf
  • das dieser Lernprozess so für mich Sinn ergibt. Dass ich weiss, was mit den Ideen & Veränderungen passiert, bzw. dass dies Wirkung erzielt!

Lernen zu Lernen ist mehr, als coole neue Meetings, Mailboxen, Briefkästen, Change-Boards aufzustellen. Viel mehr. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Menschen mit auf diese Lernreise nehmen.

Das Beispiel der Mailbox habe ich nicht erfunden, es wurde mir von einem Trainingsteilnehmer geschildert. Auf meine Nachfrage, wie intensiv den dieses Angebot für Verbessserungen und Innovation benutzt wird – leider fast gar nicht, war seine Antwort.

Eine Analogie

Tauchen wir doch ein in den Lernprozess zum Zähneputzen: Wie habe ich gelernt Zähne zu putzen?

  1. Meine Eltern haben für mich als Kleinkind ein kleines, weiches, kindermundfreundliches Zahnbürstli und Kinderzahnpaste mit feinem Erdbeergeschmack gekauft. Dann haben sie jeden Abend mir die Zähne geputzt. Bzw. haben wir sie bald zusammen geputzt. Ihre Hand hat meine geführt. Auch musste ich zu Beginn die Zahnpaste nicht ausspucken, ich konnte sie einfach runterschlucken. Sie hat sehr fein geschmeckt und es war eher ein Dessert ;-).
  2. Mit den Jahren wurde die Zahnbürste grösser und fester, die Zahnpaste hat das süsse verloren und meine Kompetenzen im Zähneputzen haben deutlich zugenommen. Ich durfte die Zahnbürste alleine führen und mit der Zeit haben sie mir nur noch mitgeteilt, wann es Zeit zum Zähneputzen ist. Ich habe dann die Verantwortung für den Putzprozess übernommen – bzw. musste noch kurz zur Kontrolle nach dem Putzen bei ihnen vorbei.
  3. Als Teenager wollte ich ein elektrisches Zahnbürstli haben. Ich habe mein Werkzeug jetzt selbst ausgesucht. Die Zahnpaste wurde einfach die der Familie genommen.
  4. Als Erwachsene Person gehe ich regelmässig zur Dentalhygiene, putze mindestens zweimal am Tag die Zähne. Es gehört für mich zur Alltagsroutine. Ich wechsle auch ab und zu die Zahnpaste – je nachdem welche Werbung mir Flausen in den Kopf gesetzt hat. Wie auch immer… ich habe die volle Verantwortung für meine Mundhygiene übernommen.

Siehst du den Lernprozess in dieser Schilderung? Mit zunehmender Auseinandersetzung mit der Problematik, mit der Unterstützung meiner Eltern etc. habe ich gelernt, wie ich richtig Zähneputze und habe immer mehr Verantwortung übernommen. Ich habe mich im Zähneputzen vom Anfänger zum Profi entwickelt.

Auf welcher Stufe des Lernprozesses ist das gewünschte Verhalten mit der Mailbox? Für mich ist es mindestens auf der Stufe 3 im Lernprozess des Zähneputzens. Die Stufen 1 – 2 wurden bei der Einführung übersprungen. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass fast gar keine Verbesserungsideen im Briefkasten landen.

Lernprozess Mailbox

Wie könnte der Lernprozess für die Verbesserungen aus den operativen Teams aussehen?

Ein Angebot wie eine Mailbox setzt schon sehr viel voraus (wie oben beschrieben). Die Stufe 1 & 2 müssten niederschwelliger sein, die Verantwortung zum Reflektieren und den Lernprozess darf (noch) nicht an die Mitarbeitenden delegiert werden, es sollte in der Arbeitsprozess integriert oder zumindest in einem Meeting angeleitet sein. Es sollte regelmässig (mindestens 2 – 6 Tage stattfinden) und dies über mehrere Wochen. Erst wenn die Mitarbeitenden sich an das Reflektieren gewohnt haben und erste Veränderungen aus diesen Übungen in ihrem Arbeitsalltag etabliert sind, kann man so etwas wie eine Mailbox, ein Yammer-Kanal oder ähnliches in Betracht ziehen.

Fazit

Fragen wir uns doch nächste Mal, wenn wir eine neue Sache etablieren wollen, auf welcher Lernstufe wir starten, damit wir alle mit ins Boot holen können.

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