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Sushiausbildung und Mikrotypografie

Was haben die 10-jährige Ausbildung zum Sushi-Meister und Mikrotypografie gemeinsam? Etwas reisserisch könnte man sagen, sie sind beide sehr traditionell, aufwändig und hinterher merken nur eingefleischte Kenner den Unterschied. Wo macht sie also noch Sinn, wer wendet sie überhaupt an, und ist sie noch gerechtfertigt?

Als Schriftsetzer, der das Handwerk von Grund auf gelernt hat, war Mikrotypografie heiliger als die Bibel. Das Ausgleichen von Abständen, das Optimieren von Trennungen oder Texten gehörten einfach zum guten Ton. Sie nicht anzuwenden – ein Frevel und Verrat an der Berufsehre. Ganz zu schweigen von der Standpauke, die man vom Meister dann kassierte. Immer wieder begegneten mir aber Fälle von falscher oder unterlassener Mikrotypografie. Mit der Zeit wurde es mehr, und heute macht gefühlt sowieso jeder wie er mag.

Zweimal durfte ich bisher sogar schon erleben, wie die Mikrotypografie bewusst abgeschafft wurde, um die Kosten-/Nutzenrechnung zu optimieren. Natürlich in Absprache mit dem Kunden, der im Leben noch nie von so etwas wie Zeichenausgleichen gehört hatte. Und es hat funktioniert! Die Zeitersparnis war enorm, die knappen Timings konnte wieder eingehalten werden, und die Fehlerquote wurde stark reduziert. Am Schluss waren alle zufrieden – und niemand, wirklich niemand, hat einen Unterschied bemerkt. Ob es mich schmerzt wenn ich mal wieder sehe, dass das kleine g von Gramm direkt an der Zahl hängt? Auf jeden Fall. Oder der Abstand zwischen zwei Einsen nicht ausgeglichen ist? Ganz schlimm. Aber wenn es funktioniert und niemand sich beschwert, ist es dann auch okay? Ein schwieriges Thema, bei dem eingefleischte Traditionalisten wohl schon beim Titellesen die Mistgabel zücken. Oder wie erlebt ihr das im Berufsalltag?

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Diskussion

7 Antworten

  1. Das ist ja leider in vielen Bereichen so, dass die Details sich im Laufe der Zeit verlieren. Man nehme die Rechtschreibung. Dort wo ich arbeite, wird nicht einmal mehr darauf Wert gelegt. Das ist der nächste Schritt abwärts, nach dem Verlust gepflegter Typografie. Wozu richtig schreiben, wenn man den Text noch verstehen kann?
    Ich bin kein Profi in Typografie, doch was ich weiss und erkenne, schätze ich.
    Wenn ich in Büchern, wo ich es erwarte, dass die Texte typografisch sauber gesetzt sind, über schlampige Typografie stolpere, regt mich das furchtbar auf.

  2. Hallo,
    als gelernter Schriftsetzer halte ich natürlich Typografie für sehr wichtig; allerdings merke ich natürlich, dass die meisten Kunden keinen Wert mehr darauf legen. Ich lege kein Herzblut mehr rein, wenn es nicht bezahlt wird; bei privaten Projekten ist es mir noch wichtig und wenn jemand Wert darauf legt, bekommt er typografisch anspruchsvolle Arbeit, aber ich muss mich nicht verkünsteln!

  3. Mit InDesign-GREP kann man sehr viel (Mikro)-Typografie automatisieren.
    Schriften mit einem guten Kerning, kosten keine Zeit.
    Sinnvolle Worttrennungen kosten Zeit. Fachworte sollten mit Trenn-Empfehlungen im Wöterbuch aufgenommen werden, dann werden sie in Zukunft automatisch richtig getrennt.

    1. Vielen Dank für den Input, die GREP-Stile hatte ich ganz vergessen zu erwähnen. Das Problem war dort, dass diese am Schluss angewendet wurden, was teils wieder dazu geführt hat, dass es den Umbruch verhauen hat. Aber richtig angewandt sind die GREP-Stile wirklich ein Segen!

    2. Ja Matthias, GREP-Stile sind praktisch, aber viel mächtiger ist Suchen/Ersetzen-GREP.
      Mit FindChangeByList.jsx lasse ich zuerst über 40 S/E-GREPs, so zur „Grundreinigung“ über den Text laufen.

  4. Ach, ich leide mit dir! Und wie bei Ronald fällt mir immer mehr auf, dass gerade Fachkollegen bewusst die (Mikro-)Typografie weglassen – das merkt ja niemand… Aber wenn ich bei einem seit 20 Jahren tätigen Profi ein x statt ein Mal-Zeichen sehe, dann könnte ich schreien!

  5. Das kann ich total nachvollziehen. Nicht nur, dass ein (geschütztes) Leerzeichen zwischen wert und Einheit (zumindest in D) normativ vorgeschrieben ist. Das gilt übrigens auch für den Abstand zwischen mathematischen Operatoren und Zahl – nicht jedoch für Vorzeichen und Zahl. Auch dieses Komma-Setzen nach dem Zufallsprinzip oder nach der 10er Methode (nach jedem 10.Wort ein Komma) ist fürchterlich und grausam zu lesen. Immer wieder versuche ich (allerdings meist vergeblich), die Kollegenden (Ironie!) darauf hinzuweisen. Schließlich kann von einem Komma auch Leben abhängen – “Hängt ihn nicht leben lassen.”, soll der alte Fritz geschrieben haben. Diese Anekdote ist ja sicher bekannt. Aber ich befürchte, diese “Nörgler” wie wir sterben langsam aus, wenn wir alle in Pension bzw. Rente sind. Die Jugend von heute lernt das ja auch nicht mehr, dieses Achten aufs Detail. Die meisten kennen Schreiben ja sowieso nur noch von Whatsapp oder Facebook (schon wieder Ironie!).

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